MONA ´s wundersame Wandlung

Geschichte aus dem Jahre 2008: Wenn das Telefon läutete, konnte im SCHNAUZERL alles passieren und einen durchgeplanten Tag vollkommen durcheinander bringen.

 

All die schönen Termine - all das, was man sich vorgenommen hatte musste umgeplant werden - die Rudel mussten ggf. anders eingeteilt werden. So wie auch hier ....

 

Besitzer durch eigenen Hund schwer verletzt ...

Dramatischer aufgeregter Anruf vom Bekannten des Besitzers: Hund, irgendein größeres etwa zweijähriges schwarzes Weibchen, hatte in einem Fahrstuhl in Wien den eigenen Besitzer angefallen. MONA hätte wohl fünf Mal in Arme, Beine und Kopf gebissen und der Besitzer läge nun schwerverletzt  im Krankenhaus. Mehr Informationen gab es dazu nicht, da der Bekannte von dem Hund wenig wusste. Hund müsste SOFORT weg - Aufnahmegebühr spiele keine Rolle - Hauptsache, dieser Teufel kommt wo unter. Alle anderen Tierheime sagten ab. Ich hatte zu derzeit keine/n "Schüler/in" und grade wieder Platz. Evidenzlisten führte ich nicht. Die Devise war: Wenn ich Platz habe, nehme ich auf .... man kann JEDEN Hund drehen. Manchmal dauert es nur kurz - manchmal länger. Ich sagte zu und noch am gleichen Tag, kam spätabends "meine" MONA an.

 

 

MONA entpuppte sich als eine 42 kg schwere Hündin - pechschwarz glänzendes Fell - wunderschön. Sie erinnerte an einen reinrassigen Rottweiler - nur eben farblich komplett schwarz. Schon bei Ankunft zeigte sie durch den Maulkorb, der mich an einen Film mit Hannibal erinnerte, dass sie wunderschöne weiße Zähne hat. Dazu hatte sie auch eine tiefe grollende Stimme und konnte die Nackenhaare gewaltig hoch aufstellen. Was für eine Begrüßung ! Mich beeindruckte seit jeher Knurren wenig und schnappte ich die Leine, um mit ihr in das vorbereitete Einzelgehege zu  ziehen. Nach den bürokratischen Formalitäten, verschwand der - sichtlich erleichterte - Überbringer sehr rasch und nun war MONA mein Eigentum. Ziel war, wie bei allen anderen Schülern, dass sie irgendwann in ein passendes neues Zuhause zieht

Nun gehört SIIIEEE uns

 

Nochmaliger Blick ins Gehege: GRRRR. Nun war noch der grauenvolle Maulkorb und die 2-m-Leine angelegt. Das musste auf jeden Fall noch vor der Nacht weg, denn bei mir lebten nie Tiere mit Maulkorb.  Die gängigen Kommandos SITZ, PLATZ oder AUS waren für MONA Fremdworte. Ich bat mein Team, mir zu helfen. Nachdem wir, mittels langer Stange, die Leine greifen konnten, zogen wir MONA mit Gegenwehr zum Gitter. Das Ungetüm von Beißschutz konnte nun entfernt werden und in weiterer Folge dann auch die Leine. Jetzt war sie frei. Alles weitere dann morgen ....  

 

Der erste Tag: Wenn ich auch nur am Gehege vorbeiging, zeigte meine MONA deutlich, dass sie in Ruhe gelassen werden möchte und die Fütterung war so ein sehr kurzer Job. Schüssel rein und das war es. Absichtlich hatte ich vor dem Innen- sowie Außengehege wesentlich mehr zu tun als sonst. Nicht ansehen - und schon gar nicht ansprechen .... ich verrichtete nur meine übliche Putzarbeit. Im Augenwinkel sah ich meine Schülerin natürlich. Sie durfte mich (und ich sie) nun den ganzen Tag beobachten - das Fletschen wurde weniger. Außengehege säubern war, gottlob, noch nicht zwingend erforderlich.

 

Der nächste Tag: Unsere Soundanlage ermöglicht wunderbaren Rock & Roll im Tierbereich. Fröhliche Musik macht die Arbeit lustiger. Meine Gäste lieben es, wenn ich mitsinge. MONA schien mit meinem Gesang ebenfalls keine Probleme zu haben und auch gegenüber den Hunden in Nachbargehegen war keine besonders hohe Aggressivität zu beobachten. Ganz unmöglich war meine "kleine Schwarze" dann wohl doch nicht ???

 

 

Das Außengehege war nun zu säubern. Toll, wenn man eine Betriebsanlage mit automatischem Schieber hätte - hatten wir aber nicht. Das heißt, man musste direkt am Tier vorbei. Von diversen Schulungen schwirrten mir Bilder durch den Kopf: grausige Verletzungen, die bei Hundebissen passieren konnten. Es ist nicht so, dass man als Tierbetreuer Angst hat - man hat eher im Kopf, nicht verletzungsbedingt die Arbeit nieder legen zu müssen. Oberste Devise bei Tierbetreuen ist, dass kein Mensch verletzt wird. Ich hatte MONA zur Chef-Sache erklärt und zu dem Zweck die Schilder "Desinfektion" zweckentfremdet. Desinfektion hieß bei unseren Tierbetreuern: Nicht ohne "Waffe" und Schutzkleidung betreten !

"Du bist auch nur ein Dackerl´....."

 

 

Ich stimmte mich auf das zu erwartende Desaster ein: Tief durchatmen - etwas Rock & Roll hören und sich denken "Du bist auch nichts anderes als ein Dackerl´" , "Der Mensch ist schlauer als ein Hund" , "Beiße nicht die Hand, die dich füttert" und ähnliches. Mit dieser Einstellung ging man in das Gehege. Die Devise lautete: Nicht ansehen - nicht ansprechen - nicht zögern. Weiteres bat ich bei besonders schwierigen Hunden immer jemanden stabilen aus dem Team, aus der Ferne zu beobachten und notfalls die Rettung anzurufen. Bloß NICHT bei Problemen ins Gehege gehen - ich kann mir selbst helfen. Sonst lägen vielleicht zwei Menschen im Krankenhaus. Jetzt noch die Bewaffnung auf dem Mauer-Sims (eine große leere Hundefutterschüssel) und den Kunststoff-Räum-Kübel direkt mitnehmen. Bloß nicht zögern - bloß keine Unsicherheit zeigen. Augen zu und durch !

 

Mit diesen speziellen physischen und psychischen Vorbereitungen betrat ich mutig das Gehege. Ich ging zielstrebig an MONA vorbei und spürte während des Säuberns, wie ich beobachtet werde. Dass ich im Innenbereich und in den Nachbargehegen herumwusele war MONA ja schon vom Vortag gewöhnt - jetzt war kein Zaun zwischen uns. Endlich war ich fertig und wollte wieder ins Gebäude. Da stand sie: Pechschwarz - wunderschön - glänzend weiße Zähne - spannender Gurgelton - aufgestellte Nackenhaare  .... Durch eine Stufe erhöht, mitten in der Tür machte sie keinerlei Anstalten zu weichen. Wenn sie sprechen könnte, würde sie mir sagen: "Keinen Schritt weiter .... sonst ...."

 

Was tun ? Notausgang gab es keinen - wir mussten aneinander vorbei. Über den 240 cm hohen Zaun ins Nachbargehege klettern, würde MONA wohl nur noch mehr aufregen. Um Hilfe gerufen, hatte ich noch nie - und was sollten andere auch tun ? Ich gab meinen Mitarbeitern, die das beobachteten, das Sichtzeichen Daumen hoch = "ALLES OK" (obwohl mir im Grunde überhaupt nicht nach OK war). Auch mussten MONA und ich uns zwangsläufig IRGENDWANN arrangieren, denn sie war in meinem Eigentum.

 

Für all die Leser: Wendet bloß NICHT nachstehende Methode in JEDEM Fall an ! Ich arbeite immer mit Bauchgefühl und muss man das Tierchen samt allen Zeichen intuitiv richtig deuten. Auch ist viel Erfahrung im Umgang mit Hunden vorteilhaft. Sonst kann das fatal enden.

 

Mein Bauchgefühl sagte mir: Bleib einfach sitzen und warte ab - ewig knurren wird meine Teufelin nicht. Immer wieder mal aufstehen - Kübel schnappen - im sauberen Gehege herumsäubern - singen. Das war sie gewöhnt. Nach 10 Minuten (gefühlt 1 Stunde) reichte es mir denn dann. Was soll denn das ? Will, sie denn irgendwann wieder Mal gefüttert werden ? Beiße nicht die Hand die Dich versorgt ! Das ist MEIN Haus (nicht ihres) ! MONA war mein Hund und keiner meiner Hunde würde es wagen, mich zu beißen ! Ich erklärte meiner schwarzen Schönheit: "DU BIST AUCH NICHTS ALS EIN DACKERL" und betrat mit dem dominanten Wort "ZURÜCK" samt Sichtzeichen zielstrebig in flottem Schritt MEIN (nicht ihr) Gehege. MONA war ob der Situation sichtlich irritiert - übersah sogar das Knurren und wir gingen mit größtmöglichem Abstand aneinander vorbei. Gittertür zu - und ich war wieder in Sicherheit. UFF !

 

Dass ich nun immer wieder vor dem Gehege säuberte - immer wieder mal die Gittertür öffnete und schloss  - Leckerchen durch das Gitter anbot, welche sie natürlich nicht in meinem Beisein fraß - erst mit einem Fuß dann mit beiden ins Gehege ging - sie nicht ansprach oder ansah und unsere Soundanlage auf Hochtouren lief, muss ich nicht in Einzelheiten beschreiben. Im Laufe des Tages wurde das Gurgeln weniger. Am Ende des Tages hörte es auf. Es wurde von Tag zu Tag besser. Ich ging rein - MONA beherrschte das erlernte Kommando "ZURÜCK". Wir hatten uns angepasst. Knurren hörte man nach ca. fünf Tagen überhaupt nicht mehr. Sie ignorierte mich und ich tat so, als ob ich sie ignorierte.

 

Ich begann davon zu träumen, meine schwarze Schönheit in einer Kleinstgruppe zu halten. Mit Artgenossen dürfte sie kaum Probleme haben. Das sah man am Zaun. Die besten Erzieher sind andere Hunde und die beste Methode etwas zu verbessern ist die Haltung im Rudel. Die behördliche Auflage, um Hunde in der Gruppe halten zu dürfen, ist die Impfung. Zu diesem Zweck beauftragte ich meinen tapferen Tierarzt, welcher selten fixe Termine vereinbarte, sondern irgendwann kam. Wer ihn mal erlebte, versteht das - es rufen ständig irgendwelche Leute an seinem Handy an und er hat wirklich viel zu tun. Nicht dringliche Besuche finden deshalb meist unverhofft statt, wenn wir "auf der Strecke liegen". Ich hatte meinen Tierarzt, zwecks meiner Schülerin, schon vorgewarnt und auch schon einen klugen Schlachtplan: Wir fangen meine Schwarz-Maus mit der Schlinge - ziehen sie ans Gitter - auf dass Tierarzt rein kann und ihr die Impfung verabreicht. Narkose oder Beruhigungsmittel waren wegen "sowas" noch nie erforderlich.

 

 

Die komplette Kehrwendung

 

Ich war grade im MONA-Gehege und wir wandelten wieder, in gewohnter Manier, an den Wänden aneinander vorbei. Da war er: unser Tierarzt ! Er kam durch die Tür und stand unverhofft vor dem Innengitter. MONA und ich waren überrascht und durcheinander - hatte ich doch weder Schlinge noch Leine mitgenommen. Sie sah mich an und rannte Vollgas auf mich zu. OMG - eine halbe Sekunde blieb mir das Herz stehen !!! Mit dem hatte ich nicht gerechnet und auch nicht mit dem, was folgte. Sie schmiegte sich zwischen meine Beine und saß wie ein Stein da. Wir, die wir uns noch nie berührten und immer an der Wand entlang hantelten. Ich bat meinen Tierarzt, rauszugehen und meine Mitarbeiter, mir einen passenden Maulkorb für die Impfung zuzuwerfen. Das Eis war gebrochen. Ich hörte MONA nie wieder Knurren - sie zog zu anderen Hunden ins Rudel und wir arbeiteten an der Ausbildung zum Begleithund. 

 

MONA verstand sich erwartungsgemäß erstklassig mit Artgenossen und entwickelte sich immer mehr zum verspielten Schmusehund. Nach einigen Wochen konnte sie auch schon einiges und kam in die aktive Vergabe. Ich konnte mir nun gar nicht mehr vorstellen, dass sie knurrt oder anderes negatives Verhalten zeigt. Weder bei mir, noch bei anderen Menschen. Sie war wie ausgewechselt. Was auch immer in der Vergangenheit passierte - es muss eine fürchterliche Erfahrung gewesen sein. MONA war eine wunderbare lernfreudige, mit Spielzeug und Leckerchen motivierbare Hündin. Das Ausbilden machte ihr und mir Freude.

 

 

MONA suchte sich ihre Besitzer selbst aus

 

Es mussten nun besondere neue Eigentümer gefunden werden .... wir hatten so viel gearbeitet und war mir MONA sehr ans Herz gewachsen. Mir war wortwörtlich übel bei dem Gedanken, MEINE Hündin weiter zu geben. Einige meiner Bekannten meinten, ich solle mir doch diese feine Hündin behalten. Ich hatte zu der Zeit vier eigene große Hunde und mir selbst das Limit gesetzt, dass es nicht mehr werden dürfen. Auch behielt ich mir grundsätzlich keine vermittelbaren Tiere. Ich rief mir in Erinnerung, dass es mein "Job" war, Tiere zu erziehen und diese dann weiter zu geben. Wenn ich all die Hunde behalten würde, die mir ans Herz gewachsen waren, hätte ich das Gebäude vergrößern müssen. Auch ist es für Hunde viel besser eine eigene Familie zu haben, als ein Frauchen mit bis zu 30 anderen Hunden zu teilen.

 

MONA hatte nun Ausbildung und war vermittelbar (auch wenn mir, wenn ich an unsere Trennung dachte, immer mehr das Herz blutete). Ich wollte in keinem Fall erleben, dass sie in alte Verhaltensmuster zurück fällt oder der neue Besitzer nicht mit ihr zurecht kommt. Wochen vergingen: Einige Interessenten meldeten sich telefonisch - keiner kam in Frage. Und dann fand das Telefonat der Telefonate statt: Termin zur Besichtigung von MONA wurde erstmalig vereinbart. Ein sehr sympathisches hundeerfahrenes Ehepaar - Ich hatte ein gutes Bauchgefühl. In die geschilderte Situation konnte ich mir meine MONA gut vorstellen. 

 

Der Termin wurde seitens der Interessenten überpünktlich eingehalten, sodass ich mit MONA leinenlos auf der großen Spielwiese überrascht wurde. Ich brauchte bei meiner Schülerin längst keine Leine mehr. Ein sportliches Cabrio fuhr auf unseren Hof. MONA suchte sich - wortwörtlich - ihre neuen Besitzer selbst aus. So ein Verhalten sah ich vorher noch nie bei einem Hund. Damals gab es noch nicht überall die hohe Einzäunung, wie sie heute ist, sondern war die Spielwiese der Hunde nur mit einem ca. 1,30 m Holzzaun begrenzt. Kaum stand das Auto, raste meine MONA los - übersprang den Zaun um dann direkt aus dem Stand in das Cabrio zu springen. Da saß sie nun und machte keine Anstalten, wieder rauszukommen. Alle Beteiligten lachten herzhaft - die neuen Besitzer und wir Tierbetreuer. Dieser pechschwarze Hund in dem knallroten Auto war ein schönes Bild. Im Grunde war da schon ziemlich klar, dass MONA abreisen wird. 

 

 

Trotzdem: Der Ablauf musste eingehalten werden. Ich wollte zeigen, was MONA konnte, sehen wie die Interessenten mit ihr umgingen und wollte ihnen noch ggf. Ratschläge geben. Ich hatte vor Tagen offen telefoniert und auch meine persönliche Einschätzung kund getan.  Ich holte MONA mit der Leine aus dem Auto. Nach näherem Kennenlernen, sah man allen immer mehr die Begeisterung an. Nach ausgiebigem Kennenlernen (man muss bei spezielleren Tierchen etwa zwei Stunden einplanen) entschieden wir uns, dass MONA zu ihnen umziehen darf. 

MONA und ich - kuschelnd - auf der Couch
MONA und ich - kuschelnd - auf der Couch

In weiterer Folge sendeten mir, im Laufe der Monate, die neuen Besitzer viele liebe Zeilen und Fotos. Ein Bild, welches mir besonders im Gedächtnis blieb, war, wie diese feine Hündin "brettlbreit" im Doppelbett auf reinweißer Bettwäsche lag. Die Fotos sprachen Bände .... MONA hat wohl nie wieder geknurrt oder gebissen.

 

 

 

Linda Ann Pieper