IVAN - der (gar nicht) Schreckliche

Vorab: Heute würde ich ganz anders agieren ! Meine Anfänge der Tierpension: Zwei Rottweiler - Betreuung mehrere Wochen - wohlerzogen. Tägliche Spaziergänge wurden gebucht. Jeder Rotti wäre einzeln zu führen. Die Besonderheit: Der Rüde IVAN hatte Pokale in der SCH-3 gewonnen (höchste Prüfung bei Schutzhunden).

 

Die Herausforderung: Würde der Rüde beim Spaziergang auf aggressiven Hund treffen, wäre er nur von der Besitzerin beherrschbar. Wenn es zu einem Kampf käme, sollte ich die Leine loslassen. Sonst könnte er auf mich "losgehen" - ???

Die Betreuung von diesen beiden Hunden machte mir Freude. Sie waren sehr wohlerzogen. Beide folgten auf´s Wort. Die täglichen Spaziergänge, in abgelegener Gegend, machten Spaß - man konnte jeden der Hunde tatsächlich "am kleinen Finger" führen. Ich ging meist vormittags jeweils zwei Runden: erst mit KADY - dann mit IVAN. 

 

OMG ! Ein Schäfermix kommt um´s Eck

 

Nach einer Woche geschah es dann: Ich spazierte in gewohnter Manier mit IVAN meiner Wege - auf einmal kam "ER" ums Eck. Es war ein freilaufender großer Schäfermix, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Mir kamen die Worte der Besitzerin in den Sinn; Ich solle die Leine loslassen ??? Einen Hund frei laufen lassen, der nicht mir gehört ? Zwei kämpfende große Rüden trennen ? Die Leine loslassen, damit die beiden schwergewichtigen Hunde einen Kampf ausfechten - war keine Option. Es war weit und breit kein Mensch, der mir hätte helfen können.

 

Wir waren - Gottlob - noch ca. 100 Meter voneinander entfernt. Nachdem ich etwas Schutzhund-Erfahrung hatte, wurde doch mein eigener Rüde auch dazu ausgebildet, kamen mir die unterschiedlichsten Kommandos in den Sinn. Noch 70 Meter - der Schäfermix blickt in unsere Richtung und beschleunigt sein Tempo.  Ich hatte nicht mehr viel Zeit und keine Ahnung, wie der unbekannte Schäfermix "tickt". Noch 30 Meter - IVAN sträubte die Nackenhaare.

 

Mein Gebrüll half

 

Ich brüllte so laut ich konnte: "PLATZ" (für IVAN) und "NEIN" (Richtung freilaufender Schäfermix). Ich wusste "PLATZ" ist ein unbedingtes Kommando, welches ein SCH-3 ausgebildeter Hund absolut beherrscht. In einem guten Hundeverein gibt es keine Schutzarbeit ohne erstklassiger Unterordnung. Der Hund würde erst dann wieder aufstehen, wenn der Führer es ihm erlaubt. Das Kommando saß - IVAN legte sich sofort. Ich ließ die Leine los und ging dominant auf den Schäfermix zu - scharfes "NEIN" und "HEY", sobald er sich in meine Richtung rührte. Es brauchte nur fünf Ansagen meinerseits und der Gegner verschwand. Ich holte meinen Hotelgast mit "FUSS & FREI" von seinem Liegeplatz ab und wir gingen weiter unserer Wege. Ich war stolz auf "meinen" Riesen.

HURRA ! Ich darf mit ihm trainieren

Bei Abholung erzählte ich der Besitzerin von dieser Begegnung der unheimlichen Art. Sie meinte, sie hätte es nicht anders gemacht. Ich muss leider zugeben, dass mein eigener Haushund zu dieser Zeit zwar auf Schutz ausgebildet wurde, jedoch von einer so hohen Prüfung noch weit entfernt war. Einen SCH-3 ausgebildeten Hund mal führen dürfen, war für mich ein Traum. Ich fragte daher zaghaft die Besitzerin  und sie erlaubte, dass ich ihn mal in meinen Verein mitnehme.


Beim nächsten Besuch nahm ich sie beim Wort bzw. IVAN mit in meinen Verein. IVAN war einfach PERFEKT und mein Traum wurde wahr. Wer weiß, was diese hohe Prüfung bedeutet, kann sich vorstellen, wie toll dieser Hund arbeitete. Es würde zu weit führen, das genauer zu beschreiben. Nach dem Training konnte ich ihn noch besser einschätzen.

 

Mobbing in der Schule

 

Ich habe mir überlegt, ob ich die weitere Geschichte mit IVAN zu Papier bringe, da ich nicht stolz auf mein damaliges Verhalten bin. Und doch gehört sie zu meiner Vergangenheit dazu. Es gab nur zwei Begebenheiten in meinem Leben, in welchem ich einen Hund als "Pseudo-Waffe" benutzte. Als "Waffe" habe ich das noch nie. Das eine Mal war bei Vertretern einer gewissen "Glaubensgruppe", die laufend (trotz meiner immer währenden negativen Reaktion) mit ihren Zeitungen an unserer Tür klingelten. Das andere war diese Geschichte mit IVAN.

 

Was tun, wenn Kinder sich fürchten, den Schulweg zu bestreiten ?  Was tun, wenn es Gruppen von Schülern einer niedrigeren Leistungsstufe in den Sinn kommt, anderen aufzulauern, um diese zu verprügeln ? Was tun, wenn einem bekannt ist, dass Schüler der Nachbarklassen bereits blutig geschlagen wurden ? Der richtige Weg ist, sich an den Direktor zu wenden und ihn auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Das tat ich dann auch mehrmals. Man wüsste von der Problematik - Es änderte sich nichts. Gottlob betraf es nur indirekt mein kräftigeres Kind. Und doch - sowas geht für mich gar nicht. Ich lauerte eines Tages der Bande auf und beobachtete sie. Ich stellte die Bengel zur Rede. Nach schnippischen Worten, die ich hier nicht wiederholen möchte und gewissen Handzeichen, die ich auch nicht weiter beschreibe - zogen sie dann doch unverrichteter Dinge weiter. Ich war verärgert und schmiedete einen Schlachtplan.  Die Schulleitung konnte anscheinend nichts gegen das Mobbing tun und ein klärendes Gespräch mit der Bande war nicht möglich. Polizei konnte wohl auch nichts machen, da die dort bereits bekannten Rabauken  noch minderjährig waren. 

 

Mein Ziel war, dass kein Kind sich fürchten muss, wenn es nach Hause geht. Als eines Tages die Schule endete, nahm ich IVAN an die Leine und sah von weitem schon die Bengel. Oh Wunder - sie hörten mir auf einmal zu ! Keine blöden Kommentare - keine Handzeichen - kein Flüchten. Es reichte alleine die Anwesenheit meines stattlichen Begleiters und meine EXTREM ERNSTE Ansage: "Ich möchte nicht nochmal hören oder sehen, dass ihr jemanden verprügelt, beschimpft oder beklaut."

 

Mein Ziel war erreicht - es herrschte seitdem Frieden. Ich sah keine andere Möglichkeit, dem Mobbing ein Ende zu setzen. Wie schon weiter oben geschrieben, bin ich nicht stolz auf mein damaliges Vorgehen .... und doch bereue ich diesen speziellen Schultag nicht. Die kriminellen Bengel dürften etwas gelernt haben ..... 

 

Linda Ann Pieper