Sparsamer Hundemarken-Muffel

Nach Jahrzehnten intensiver Tierbetreuung meinte man irrtümlich, schon alles erlebt zu haben. Selbst nach so langer Zeit gab es immer wieder neue Herausforderungen. Ich bin stolz: Es gab keinen Hund, den wir nicht betreuen konnten. Ob sehr ängstlich über besonders „mitteilungsbedürftig“ bis hin zu aggressiv. Nach Führung von über 6.000 verschiedenen Hunden in Form von Tierpension, Tierzuflucht, Fellpflege oder Schulungen …. Jeder Charakter begegnete mir schon mal. Versteht man die Hundesprache, kann man mit allem umgehen. Grade charaktervollere Hunde fand ich besonders interessant.

Nicht so problemlos war das manchmal mit menschlichen Besuchern. Nie hätte ich meine Monopolstellung ausgenutzt und mir nur leicht zu betreuende Hunde ausgesucht. Wer mir halbwegs höflich begegnete, konnte sich sicher sein, dass wir auch das Haustierchen betreuen – sofern wir Platz hatten.

 

Grundsätzlich wurde im Vorfeld schriftlich korrespondiert. Bestenfalls wurde das Reservierungsformular auf der Homepage ausgefüllt und wir sendeten dann ein Angebot. Bereits im Angebot wurde das Wenige vermerkt, welches dem Hund mitzugeben ist, nämlich Impfausweis, vernünftiges Halsband, Tiermarke und ggf. noch Medikamente / Spezialfutter. Das war nun wirklich nicht viel. Wer etwas nicht hatte, konnte das vor Ort erwerben. Nach Annahme der Reservierung, in Form von Vorauszahlung auf das Konto, erhielten die Kunden eine Reservierungsbestätigung, in welchem nochmal vermerkt wurde, was mitgebracht werden muss.

 

Nun zu meinem eigentlichen „Fall“ (Namen geändert): Nach meinem Angebot an - ich nenne ihn Hr. MUFFEL - verlief die Korrespondenz im Vorfeld ungewöhnlich. Kunde (Geschäftsmann einer großen, augenscheinlich florierenden Firma)  meinte, der Aufenthalt von 8 Tagen wäre ihm für seinen Labrador BELLO zu teuer und nur bei einem Nachlass von wenigstens 20 % würde er uns seinen Liebling bringen. Ich erklärte ihm, dass wir grundsätzlich keine Rabatte gewähren, ich seine Absage zur Kenntnis genommen habe und es mich freuen würde, wenn wir BELLO vielleicht ein anderes Mal betreuen dürfen. Damit war das Thema für mich abgehakt.

 

Eine Woche später rief Hr. MUFFEL an. Er hätte noch keinen Platz gefunden und würde BELLO zu uns bringen „müssen“. Wenn er sein eigenes Futter mitbrächte, würden wir dann den Preis senken ? Die Tierpensionspreise wären ja „Wucher“ … Hmmmm …. „MÜSSEN“ – „PREISVERHANDLUNGEN“ – „WUCHER“ ? ….. Dass ich nur bedingt Lust hatte, zu antworten, kann man sich vorstellen. Mein geduldiges Wesen erlaubte mir, ihm zu erklären, dass das Separieren eines Hundes und Füttern von mitgebrachtem Futter für uns mehr Aufwand bedeutete, als unser gutes Normalfutter zu füttern. Die Preise wären für alle sichtbar auf der Homepage und auch im Angebot. Hr. MUFFEL meinte, dann müsse er es sich nochmals überlegen. OK – ich machte wieder einen Haken unter den Fall und war nicht unglücklich darüber, dass wir für ihn wohl zu teuer waren. Wenn das Herrchen schon so seltsam ist – wie verhält sich dann erst der Hund ? Meine Erfahrungen sind, dass schwierige Menschen oft schwierige Hunde besitzen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

 

Drei Tage vor Hr. MUFFELS geplanter Urlaubsreise: Nochmaliger Anruf. Mein Gedanke: Oh, mein Gott - nicht schon wieder !!! - Er MÜSSTE seinen Hund jetzt doch zu uns bringen, weil er niemand anderen gefunden hatte. Im Grunde hatte ich überhaupt keine Ambitionen nochmals über Preise zu diskutieren oder mich sinnfrei kritisieren zu lassen. Obwohl ich für seinen Labrador durchaus Platz gehabt hätte, war ich tatsächlich sehr nahe dran, endgültig abzusagen. War sich der Besitzer nicht bewusst, dass ich BELLO nicht betreuen MUSS und dass es - im Grunde umgekehrt ist, nämlich dass es für Besitzer eine feine Sache ist, wenn ein Tier zu uns kommen DARF. Ich dachte mir: „Was kann denn das Tierchen dafür ?“, sprang über meinen Schatten und sendete nun – zum dritten Mal - das gleiche Angebot.

 

Am Tag vor der Ankunft rief mich Hr. MUFFEL wieder an. Nun wäre es ihm beruflich nicht möglich, während der regulären Öffnungszeiten zu kommen. Er teilte dominant mit, er käme erst um 19 Uhr. Ich teilte dominant mit, es wäre gegen Aufpreis möglich, dass wir den Hund am Abend aufnehmen. “WAS ? Aufpreis – wo ihr eh´ schon sooo teuer seid ?“ Er würde eher einen Tag abziehen wollen, weil wir den Hund ja erst abends übernehmen.

 

Mein Geduldsfaden wurde immer dünner. Ich erklärte ihm, dass wir – entgegen unserer AGB, kulanzweise den anbezahlten vollen Betrag zurück überweisen würden und es doch auch günstigere Tierpensionen gibt. Das wollte er dann auch nicht. Er MÜSSE (?) seinen Hund ja bringen, da er so schnell keinen anderen Tierbetreuer finden würde und wir wären - wegen seiner Vorauszahlung - gesetzlich verpflichtet, BELLO zu nehmen. Ich teilte Hr. MUFFEL geschäftsmäßig mit, das dem zwar nicht so wäre, aber wir in seiner Notsituation zu unseren Bedingungen betreuen würden. Das heißt, die Tierpension wäre lt. Preisliste (ohne Rabatte) plus der Aufpreis für das verspätete Bringen, zu bezahlen. Wütend legte her MUFFEL, ohne Verabschiedung, auf.

 

Es dürfte verständlich sein, dass ich keine sonderliche Freude hatte, mich - nach getaner Arbeit - nun abends mit diesem Kunden herumzuschlagen. Wenn sich der am Telefon schon flegelhaft benahm – wie waren er samt Hund dann erst in Natura ? Ich war nicht gespannt auf ein persönliches Kennenlernen. Trotzdem: Tief durchatmen und meinen Job machen – der Kunde sollte „König“ sein und ich diesen begeistern.

 

Der vereinbarte Termin 19:00 Uhr verstrich. Ich hatte mich, wie üblich,  vorbereitet und eine Viertelstunde vorher unsere eigenen Hunde in das Büro gesperrt, das Einfahrtstor geöffnet. Ich wartete und es war - niemand da. Die „juristische Viertelstunde“ 19:15 Uhr war vorbei – niemand da. Um 19:20 Uhr rief ich die Handynummer an – sprach auf die Mobilbox. Kommt er nun – oder doch nicht ? Um 19:30 Uhr schloss ich das Einfahrtstor und begab mich in das private obere Geschoss, um die Weltnachrichten zu sehen. 20:10 Uhr: Sturmläuten – Hupen vor dem Tor. Anzugträger Hr. MUFFEL ist da. Ich muss zugeben, ich war ärgerlich. Tief durchatmen und in den geschäftlichen Modus gehen. Emotionslos meinen Job machen – es geht um Tierbetreuung und nicht um persönliche Befindlichkeiten bzw. Antipathien.

 

Das machte ich denn nun. Begrüßte so freundlich ich noch konnte mit einem aufgesetzten Lächeln. Um 20:15 Uhr würde mein TV-Krimi beginnen, auf den ich mich schon Tage gefreut habe. Vielleicht schaffen wir das Formale in den paar Minuten – es war ja alles schon vorbereitet. Ich brauchte nur noch Hund + Impfausweis + Halsband + Tiermarke + Unterschrift + Vorauszahlung. Herrchen MUFFEL kam ohne Hund und ohne Lächeln ins Haus. Las sich die AGB (eine dicht beschriebene A-4-Seite, welche auch auf der Homepage veröffentlich ist und im Grunde kaum wer liest) in Seelenruhe durch und wollte div. Punkte diskutieren. Vielleicht merkte er denn nun auch, dass er nun eine „rote Linie“ überschritt – jedenfalls nahm er meine Bedingungen billigend zur Kenntnis, weil er den Hund ja zu uns bringen MUSS. Unsere kriminellen Wucherpreise wären ja ein Wahnsinn.

 

Wir saßen uns, mit verschränkten Armen, gegenüber. Ich meinte nur, dass wir das nun schon mehrfach diskutiert hätten und ich nicht bereit wäre nun nochmals herum zu streiten. Um 20:30 Uhr, mein TV-Krimi hatte längst angefangen, meinte er, er hätte keine Tiermarke. Er hätte nicht gewusst, dass er sowas braucht. Ich legte ihm die schriftliche Korrespondenz vor – wo eindeutig mehrfach beschrieben war, was mitzubringen ist. Ich beharrte darauf, dass - aus verständlichen Gründen - bei unseren Gästen eine Tiermarke am Halsband zu sein hat. Er meinte, wenn dann gratis – ich teilte mit, dass wir keine Tiermarken verschenken und er genügend Zeit gehabt hätte, sich anderswo eine zu besorgen.

 

Wütend griff er nach eine meiner Visitenkarten, faltete sie und schrieb hinten den Namen BELLO drauf. Ich sagte ihm noch, dass das Papier bei Gruppenhaltung sicher nicht halten würde. Er verschwand zu seinem Porsche 911 und ich sah ihn dort zwischen seinem Hund auf den Sitzen herumkrabbeln.

 

Nochmals tief durchatmen – versuchen, eine positive Einstellung zu bekommen – versuchen an meinen Job zu denken. Ich schaffe es nicht. Es reicht mir nun. Sein Urlaub hin oder her. Ich ging zu seinem Sportwagen und sagte ihm – er brauche sich keine Mühe mehr zu geben - ich möchte BELLO nicht betreuen. Er solle mir seine Bankdaten mailen und ich würde zurück bezahlen.  Ich ging ins Haus, schl0ß die Tür, machte die Lichter aus, schalte die Türglocke ab. Genug ist genug !

 

21:15 Uhr: Sturmläuten - erst Festnetz mit Anrufbeantworter – dann Handy. Hr. MUFFEL wäre nun gnädiger Weise bereit, die Hundemarke zu bezahlen. Ich erklärte ihm, ich würde BELLO nur aufnehmen, wenn er sich für sein vorangegangenes Verhalten entschuldigt. Er solle mal in sich gehen, sich überlegen, was er so alles von sich gab und mich pünktlich (!) erst wieder um 21:30 Uhr anrufen.

 

Vor der Haustür wartend, rief er an, entschuldigte sich tatsächlich und ich betreute BELLO, der sich als schwieriger Hund zeigte. Zu einer nochmaligen Betreuung kam es - Gottlob - nicht mehr. Hunde zu erziehen ist wesentlich einfacher als Menschen was beizubringen .... 

 

Linda Ann Pieper