Schneechaos versus Sonnenschirm

Bei diesem Thema schieden sich hausintern die Geister. Mein Team debattierte generell gerne. Insbesondere bei einem meiner Blogbeiträge zum Betrieb im Winter wurde heiß diskutiert. Mir wurde empfohlen, doch nur die Problematik der winterlichen Hundebetreuung aufzuzeigen, um dann werbewirksam darzustellen, dass WIR ganzjährig offen hatten. Wie langweilig! Ich schrieb solche Propaganda ungern. Ich hatte mit einer gewissen Monopolstellung in meinem Einzugsgebiet keine Werbung nötig. Wir hatten ausreichend viele Kunden und war es mir wichtiger, Infos aus der Praxis an Tierhalter und andere Unternehmer weiter zu geben.

Um meine Einstellung besser verstehen zu können, darf ich die Leser tief in meine Seele blicken lassen, indem ich ein Beispiel aus meiner Kindheit beleuchte: Ein zehnseitiger "Phantasie-Aufsatz", den ich im Alter von 13 Jahren schrieb, wurde (erst- und letztmalig) mit der schlechtesten Schulnote - einer glatten "5" – bewertet. Als Begründung wurde „Themenverfehlung“ genannt. Eine FÜNF, obwohl mein langer Text rechtschreibmäßig und grammatikalisch völlig fehlerfrei war. Ich war eine sehr gute Deutsch-Schülerin, die sonst nur ausgezeichnete Noten bekam. Warum dann diese nicht genügende Arbeit? Andere Mitschüler fürchteten sich vor Deutsch-Schularbeiten. Ich nicht. Ich liebte das Schulfach „Deutsch“ und schrieb schon damals leidenschaftlich gerne. Ich freute mich auf Schularbeiten, bei denen ich, in völliger Ruhe, meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte. Die Feder flog über das Papier und es gab von mir oft Aufsätze, die über zehn DIN-A-4 Seiten füllten. Mit Spannung und Freude erwartete ich auch an jenem Schultag das Thema meines neuen Kunstwerkes. Meist wurden drei Überschriften zur Auswahl gegeben. Dieses Mal gab es leider nur eines. Es stand mit fetter Kreide auf der Schultafel: „ATOMKRAFTWERKE“.

 

OMG! Ich sollte dazu einen Aufsatz verfassen. In Österreich fand am 5. November 1978 eine Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des bereits fertiggestellten Kernkraftwerks Zwentendorf statt. Das Thema "Atomkraftwerke“ wurde daher vorher wochenlang in der Schule durchgenommen. Gelbe Buttons mit „Atomkraft – nein“ wurden auf den Straßen verteilt. Ich wusste, was die Lehrerin wünschte und somit war beim Aufsatz auch das „Nein“ vorgegeben. Wie alle meiner Klasse, war auch ich herzmäßig gegen Atomkraftwerke. Aber es war zu diesem Thema alles – wirklich alles – gesagt und geschrieben worden. Mir widerstrebte es, meine geliebte Schularbeit mit Durchgekautem zu verschwenden. Ich war, ob des Themas, völlig enttäuscht und erstmals saß ich vor einem leeren Blatt Papier etwa zehn Minuten regungslos da. Aus meiner Feder floss gar nichts – Ich hatte eine völlige Schreibblockade. Die wunderschönen Schulstunden des Schreibens mit einem Text verschwenden, der mir zum Hals raushing? Endlich: Meine Feder bewegte sich erst zaghaft – dann immer schneller und es entstand ein mehrseitiger wunderbarer Phantasie-Aufsatz über den Ausbruch und die Eindämmung eines Kernkraftwerkes. Bei der Benotung war meine Deutsch-Lehrerin außer sich und sagte wortwörtlich: „Willst du mich für dumm verkaufen?“ Sie meinte, es wäre der schlechteste Aufsatz der Klasse und die einzige „FÜNF“ aller Klassenarbeiten. Ich fand, meine Arbeit war die Spannendste und demnach die Beste.

 

So eine Aufgabe endete damals mit einem "UNGENÜGEND" und würden solche Forderungen, bei privaten Texten, auch heute. Wenn ich privat schreibe, dann frei über das, was ich möchte. Meine früheren spannenden Vereinszeitungen kommen mir in den Sinn, bei denen einige zu "juristisch-angehauchter" Korrespondenz führten. Natürlich hielt ich mich an gesetzliche Vorgaben sowie die "Nettikette", aber ich ließ mir nicht vorschreiben, was ich wie verfasse. Wenn ich meinem Hobby des Schreibens nachging, lag mir das Thema am Herzen und ließ ich nicht zensieren. Auch möchte ich das bei diesem Buch nicht, obwohl Verlage es - um es besser vermarkten zu können -  vielleicht gerne abändern würden.

 

Da das nun geklärt ist - zum eigentlichen Thema: Hunde-Betreuung im Winter. Ich verstand Hundepensionen, die im Winter komplett zusperrten. Auch für diese "Mitbewerber" waren meine teils jammervollen Zeilen gedacht - sowie für Tierbesitzer, die eine Tierpension würdigten, die ganzjährig geöffnet hat. Betreuung von Hunden war im Winter wesentlich aufwändiger als im Sommer. Die Anlage musste auch für den Winterbetrieb geeignet sein. Besonders beim Außengehege-Säubern mit Eispickel kamen mir Gedanken: Wir hätten es uns locker finanziell leisten können, wie andere Beherbergungsbetriebe auch, ein paar Monate im Jahr zu schließen und im Bikini am Strand zu liegen. Warum mühsames Schneeschaufeln und nicht gemütlicher Badeurlaub? Meine humorvolle Tochter, sendete zu solchen Zeiten gerne ihre Urlaubsbilder aus warmen Ländern .... und das, während wir mit Schneemassen kämpften. SCHLIMM!

 

Unkontrollierbare Schneemassen

 

Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, musste es natürlich möglich gemacht werden, die Anlage zu befahren und betreten. Es ging beim Schneeschaufeln um eine Zufahrt von 55 Meter Länge und 8 Meter Breite. Weiters ein Fußweg von 40 Metern zum Katzenhaus und 11 Meter zum Außenlager. Ab 60 cm Schneehöhe war händisches Schaufeln ohne Schermaschine schier unmöglich. Die ersten Tage fräsen und schaufeln war ja noch ganz lustig. War man aber erschöpft und hatte einen Muskelkater, wurde es mühsam und mühsamer.

 

Februar 2009 war ein Ausnahmewinter. Es schneite und schneite dickste Flocken. Frau Holle meinte es extrem gut mit uns. Es entstanden, trotz unserem Kampf mit dem eiskalten Nass, Massen von 100 cm Höhe und war mit unseren damaligen Mitteln nicht mehr zu bewältigen. Dazu kam, dass der Räumdienst der Stadtgemeinde rücksichtslos seine Strecke fuhr und Schnee einfach zur Seite schob. Direkt an meiner Einfahrt entstand damit ein Berg von 150 cm. Mit befreiendem Jammern in der Öffentlichkeit hatte ich mich zurückgehalten, denn anderen ging es jetzt auch nicht besser – manchen sogar wesentlich schlechter. Nachdem ich auch einen Versandhandel betrieb, wurden oft mit großen Lastern palettenweise Waren angeliefert. Diese wurden i. w. F. abgeladen und auf Schlitten ins und die Pakete aus dem Gebäude gezogen. Einer unserer Nachbarn, selbst Inhaber einer großen beschneiten Fläche, hatte irgendwann Mitleid mit uns und baggerte mit seinem Riesenbagger nicht nur seinen eigenen großen LKW-Hof, sondern auch unsere Einfahrt frei. Ich werde ihm dafür ewig dankbar sein.

 

Eine große Familie zu haben war wunderbar. Wenn Not am Mann war, halfen alle mit. Für meine drei Kinder war es selbstverständlich da und dort einzuspringen. Ich weiß, deren Kindheit als "Unternehmer-Kinder" war schon eine besondere. Neben viel Gutem in Form von Mama-ist-daheim, höherem Taschengeld, frühzeitigen Handys, Freiheit, Vertrauen u.v.m. - bedeutete das für sie auch Arbeit, Toleranz, Selbständigkeit, Verzicht und Verantwortung. Das hatte zur positiven Folge, dass sie allesamt "unternehmerisch" dachten und von ihren Arbeitgebern vielseitig einsetzbar waren. In ihren verschiedenen Berufen (Online-Shop-Inhaber, KFZ-Meister, Sekretärin) waren sie erfolgreich. Ich bin sehr stolz auf diese feinen Menschen. 

 

Farbe, Größe und Charakter der Hotelgäste

 

Wer klein und weiß war, hatte im Winter besondere Privilegien. In den Gehegen mussten bei Kleinsthunden Laufwege geschaufelt werden oder man hatte das Glück, dass der Gast zu größeren Hunden passte, die die Flächen niedertrampelten. Auch sah man vermehrt nach, wo das kleine Wesen sich befand. Man teilte die Rudel bei hohem Schnee nicht nur charakterlich ein, sondern auch nach Körperstatur, Fellfarbe und Aktivitätslevel

 

Es war wunderbar, mit den unterschiedlichsten Wesen zu tun zu haben und machte die Arbeit spannend. Bei den kurz- und langhaarigen Gästen fanden sich diejenigen, welche Riesenfreude mit Schnee hatten und gerne draußen durch den Schnee tobten. Es gab aber auch die muffeligen Stubenhocker, die - wenigstens bei der Säuberung - zum Hinausgehen täglich überredet werden mussten.

 

Zaunhöhe und Fundament

 

Als wir 1998 den Betrieb in Neumarkt neu erbauten, war eine Zaunhöhe von mindestens 240 cm vorgeschrieben. Das obere Teil musste nach innen gekröpft ausgebildet sein. Die exakte Höhe unseres Zaunes, mit Fundament gerechnet, betrug daher 252 cm. Damals erschien mir das gewaltig hoch und hatte die Einzäunung und das Fundament (20 cm breit, 80 cm tief) ein Vermögen gekostet. Jahre später wurden die behördlichen Auflagen wohl gelockert, was ich nicht verstehen konnte. Es fanden sich Tierpensionen mit nur 180 cm Zaunhöhe. Wie konnte das in der Praxis funktionieren?

 

In einem Katastrophen-Winter zeigte sich, wie wichtig die Höhe des Gitters war. Wenn 100 cm Schnee lagen, konnte man sich ausrechnen, wie niedrig dann noch der Zaun war. Man musste demnach für spring- und/oder kletterfreudige Hunde auch Bereiche mit 400 cm Gitterhöhe vorhalten. Ohne einen solchen Zaun zu besitzen, müsste ein verantwortungsvoller Betrieb sonst die Außengehege sperren. Es gibt Hunde, die können - ohne Anlauf aus dem Stand 150 cm überwinden.

 

Säuberung von Außengehegen

 

Die Gehege auf einem vernünftigen Level zu halten, war das Um und Auf im Winter. Manchmal war man am Verzweifeln. So schnell konnte man gar nicht säubern, wie es schneite. Man sah nichts mehr – jeglicher Schmutz war unter einer dicken Schneeschicht verdeckt. Bei ganz argem Schneetreiben ging überhaupt nichts mit der Säuberung. Dann, wenn man denn mal räumen konnte, hatte man meist zugängliche Tierchen um sich herum, die ganz andere Interessen hatten. "OHH! - BETREUERIN!" Wenn man sich bückte, konnte es schon vorkommen, dass einem ein Tierchen auf den Rücken sprang.

 

Passte man ein Zeitfenster ab, in dem es endlich mal nicht stürmte und/oder schneite, sah das Saubermachen anders aus, als im Sommer. Es dauerte mindestens acht Mal länger. Man benötigte Handschuhe, Haube, dicke Jacke, wetter- und kratzfeste Hose, anstatt einem - zwei Räumkübel, kleine Kotschaufel und Eispickel und eine große Schneeschaufel. Auf Eisplatten rutschte man aus und hatte weniger Standfestigkeit. Im Tierschnee zu stapfen war eine Herausforderung und drohte man regelrecht zu versinken oder stecken zu bleiben. Das Erfolgserlebnis vom Ergebnis hielt sich in Grenzen, da man die weiße Pracht unmöglich völlig reinigen konnte.

 

Wärme in den Innengehegen

 

Meine Hotelgäste waren zum größten Teil verwöhnte Haushunde, die es gerne warm mochten. Die menschlichen Bewohner waren hier nicht besser, sondern waren eher kälteempfindliche Mimosen (mich mit eingerechnet). Natürlich erforderte das im Winter höhere Energiekosten. Im Winter war auch die Innen-Säuberung schwieriger. Manche kälteempfindliche Tierchen musste man zum Rausgehen überreden oder raus tragen. Da die anspruchsvollen Gäste, wenn sie denn alle mal draußen waren, mit Schneepfötchen wieder reinkamen war der Boden feucht. Den Innenbereich sah man nur kurz, während Trocknung, völlig rein und tapsen-frei.

 

Hundeschule

 

Die Hundeschule für Hotelgäste hatte ich im Winter komplett eingestellt. Zum Ausbilden von Hunden braucht man einen festen Stand und muss auch flotten Schrittes laufen können. Diese Voraussetzungen waren im Winter nicht gegeben. Hotelgäste schulte ich nur in den Monaten Mai – Oktober. Die letzten 15 Jahre meines Wirkens leitete ich keine Gruppenkurse mehr und bildete selten Hunde der Tierpension aus.

 

Der Hund selbst lernte schnell die Kommandos. Wichtig war, dass der Halter das Führen des Hundes beherrscht. Der beste Turnierhund wird in der Hand eines Unbedarften nicht gut funktionieren. Ich stehe hinter dieser These: 80 % lernt der Mensch - 20 % der Hund. Ich hatte mir viele Jahre bewiesen, dass ich Hunde ausbilden kann, mich neutral bewerten lassen und das reichte mir für mein Ego. Es gab genügend erstklassige ÖHU- sowie ÖKV-Vereine, die sehr günstige gute Gruppenkurse mit erfahrenen Hundetrainern, anboten. Diese empfahl ich gerne. Vorsicht war bei reinem Einzelunterricht geboten. Hier fanden sich einige schwarze Schafe am Markt. Mit viel zu kurzen Tiertrainerkursen samt Zertifikaten war man noch lange kein guter Hundetrainer.

 

Selten nahm ich mich manchen "Härtefällen" trotzdem an, bei denen Besitzer völlig überfordert waren und eine vernünftige Ausbildung extrem wichtig war. Ich bildete aber in den letzten Jahren hauptsächlich „ehrenamtlich“ schwierigere Hunde aus. Natürlich wäre es finanziell wesentlich lukrativer gewesen, ich hätte mir meine Stunden durch Kunden bezahlen lassen. Jedoch - Wirtschaftlichkeit hin oder her: Es gab zu viele unerzogene Wölfchen, die keinen Besitzer mehr hatten. Diese Hunde hatten meinen Einsatz wesentlich nötiger. Ob bei Hotelgästen oder den Vergabehunden – oft war ein "unterrichten" nicht zwingend nötig Es reichte die konsequente Führung in der Gruppe, damit sich Fehlverhalten besserte. Die allerbeste Schule war das Rudel !

 

Spaziergänge

 

Einigen Gästen taten Spaziergänge sehr gut. Dabei galt: Der Tierbetreuer geht mit Hund und nicht umgekehrt. Die meisten Hunde waren an der Leine gut führbar und es machten Spaziergänge Freude. Bei manchen entpuppte sich das Leine-Gehen schwierig. Das war mehr Schule als Spaziergang. Daher bot ich „Spaziergänge“ in speziellen Fällen auch nur in schneefreien Monaten an. Halten Sie mal einen unerzogenen ziehenden 40+ kg schweren Hund bei Glatteis!

 

Warum trotzdem ganzjährig offen

 

Manchmal wurde ich gefragt, warum wir denn nicht auch zusperrten. Ich stellte die Frage zurück: Wo sollten "MEINE" Hunde denn sonst hin? "Meine" Urlaubshunde? "Meine" Tageshunde? "Mein" Hundekindergarten? "Meine" Langzeitgäste? "Meine" Schüler? Meine eigenen Hunde? ..... Es gab kaum Tierpensionen, die in den Wintermonaten geöffnet hatten. Ich schrieb hier absichtlich mehrfach „meine“, da ich meine lieben Fellchen auch herzmäßig als meine sah. Wenn auch nur für die Dauer des Aufenthaltes.

Linda Ann Pieper