Der Wert eines Lebens

Dieser spezielle Hilfseinsatz veränderte mein Denken zum Wert eines Lebens und stimmt mich auch heute noch nachdenklich. Wie kann man Lebewesen in Zahlen bewerten ?

 

Manch reinrassiger Hund mit erstklassiger Ahnentafel ist im Grunde weniger "wert" als ein geliebter Mix, der unbezahlbar ist. Manch, äußerlich nicht dem Ideal entsprechender, Hund hat einen sehr lieben Charakter. Was ist wirklich was Wert ?  Die wahren Werte im Leben, wie Gesundheit, Liebe, Treue oder Freundschaft kann man nicht kaufen.

Der Einsatz beginnt

 

Ein älterer Herr meldete sich telefonisch: "Ich bin grade aus dem Krankenhaus gekommen. Mein Sohn hätte die acht Dalmatiner Welpen während dessen verkaufen sollen - ABER  sie sind alle noch da. Sie sind bereits 16 Wochen alt und es gibt noch nicht mal Interessenten. Oh mein Gott - was soll ich bloß tun ? Sie fressen mir die "Haare vom Kopf" !!! Könnt ihr sie aufnehmen ? "

 

So hübsch gewisse Disney-Filme anzusehen sind und modern die Zucht von Dalmatinern zu der Zeit war, ist die es in der Praxis  nicht ganz so rosa-rot -  ACHT Dalmatiner-Junghunde zu beherbergen und i.w.F. schöne Zuhause zu finden.  Das bedeutet eine Menge zeitintensiver Arbeit. Es reicht hier nicht nur "Futterchen - Wasserchen - Sauberkeit" zu gewährleisten, sondern ist auch die positive Prägung extrem wichtig. 

Dalmatiner Invasion 

 

Ein Pferdeanhänger gefüllt mit Stroh und den Junghunden kam an. Die Klappe runter und man wurde von den ganzen Flecken regelrecht geblendet. 16 Augen zwischen den ganzen Punkten. Im Grunde, da fast alle Augen dunkel waren, ergab das Bild hunderte von Punkten auf weiß. Alle Augen blickten natürlich zu der, sich öffnenden Klappe. Ach Gottchen !


Schonfrist

 

Ein Tierchen hübscher als das andere <3 - das Herz der Tierbetreuer ging auf. Eines nach dem anderen trugen wir sie in das vorbereitete Gehege und ließen sie erst Mal  dort herum laufen. Nach der langen Fahrt im Hänger und dem vielen Neuen, sollten sie sich austoben, dann zur Ruhe kommen und uns Betreuer bzw. die Anlage und unsere  "Hausordnung" kennen lernen.


Wie sollte man die Gefleckten auseinanderhalten ? Wie sollten wir fotografieren ?  Wie welche Namen geben ? Sie sahen alle irgendwie gleich aus  und waren doch punktemäßig völlig verschieden.

 

Die Methode, alle mit verschiedenfärbigen Halsbändern zu bestücken, würde bei verspielten Junghunden ganz bestimmt nicht funktionieren. Das Besprühen mit Farbe oder Ausrasieren an verschiedenen Körperstellen ging gegen mein tierliebes Wesen und wollte ich nicht.


So entschied ich mich dazu, das gepunktete Rudel in der Gruppe zu fotografieren und nach dem Motto "Jeder sucht sich seines vor Ort aus" zu vergeben. Bei Reservierungen aus der Ferne ermöglichten daher nur, wir zwischen Weibchen und Männchen zu wählen. Die klugen Interessenten zeigten - nach oft recht lustigen Telefonaten mit Beschreibung der gepunkteten Lage - großes Verständnis. Es war schier unmöglich, die immer munterer werdenden, Bandenmitglieder auseinander zu halten. 

Bei einer größeren Anzahl von Welpen schlugen wir oft "Zwei Fliegen mit einer Klappe" - das heißt dass die neuen Besitzer direkt in die Gehege gingen oder - je nach Alter und "Aktivitäts-Level" der Welpen - alle auf die große Spielwiese laufen ließen. Dort konnten die Interessenten "IHR" neues Familienmitglied  in Ruhe auswählen und für die Welpen bzw. Junghunde war es eine feine Sache, mal auf andere Menschen, als "nur" die Tierbetreuer, zu treffen. 

 

Nach und nach fanden wir feine liebe Zuhause.


Gleich die Nummer ZWEI des "P-Wurfes" (sie hießen karteimäßig von PAULA - über PLUTO - bis hin zu PEPPER) fand ein schönes Zuhause. Eine Familie mit zwei Kindern, die zwischen den verbliebenen sieben (eines war schon umgezogen) wählen durften. 

PADDIE  ist taub !!!

 

Nach einer Woche waren nur noch drei der Dalmatiner-Junghunde in der Vergabe und wir erhielten bereits erste liebe Rückmeldungen aus den jeweiligen neuen Zuhause. Bis auf: Die Familie, die besagte Nummer ZWEI erwählte. 

"PADDIE ist sehr lieb und zugänglich, frisst brav, folgt schön, ist nachts ruhig, kann auch einige Minuten alleine bleiben, geht nett an der Leine, macht nichts kaputt - aber - uns kommt vor, dass sie vielleicht schlecht hört.  Ist euch da was aufgefallen ?" Meine erste humorvolle Reaktion:  "KANN .... oder .... WILL sie nicht hören ?" :) 

 

Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass PADDIE schlecht hört. War sie doch bei unseren spielerischen Übungen eine der ersten des Rudels, die durch  Klappen gehen konnte - und am Steg klettern - die flott an der Futterschüssel war - u.v.m..

 

Ich wurde ernsthafter und empfahl ihnen, das doch dringend zu testen. Natürlich würde ich PADDIE zurücknehmen und den Kaufpreis zurückbezahlen oder die Kleine gegen einen anderen unserer verbliebenen Welpen tauschen.


Wir nehmen sie zurück

Es tat der Familie leid, PADDIE wieder zurückzugeben - jedoch konnte sich die Familie mit den Kindern nicht vorstellen, wie das Zusammenleben mit einem gehörlosen Hund funktionieren sollte. Sie entschieden sich, einen anderen der Dalmatiner zu nehmen. Gleich nach dem ersten Anruf, hatte ich persönlich alle der verbliebenen Dalmatiner getestet. Ich hatte mit jedem (einzeln !) etwa 15 Minuten gepfiffen, gesäuselt, gesprochen, geknistert .... Sie hörten ALLE. Auch rief ich, entgegen meiner Natur, ALLE anderen neuen Zuhause an. Auch dort hörten ALLE.

 

Wie sollte es nun mit PADDIE weiter gehen ?  Wer nimmt sich schon einen gehörlosen Hund ?  PADDIE wurde einzeln fotografiert, gefilmt und genau beschrieben. Schon in der Überschrift wurde "gehörlos" vermerkt und der geringste Kaufpreis angesetzt (waren damals öS 100,00 - das sind heute umgerechnet etwa € 8,00 ). Ich hatte kaum Hoffnung, dass sich für sie jemand meldet. Hätte sich niemand gefunden, hätten wir sie wohl als eigene Hündin behalten.

Es dauerte nur wenige Tage und es meldete sich, wider Erwarten,  eine ältere Dame. Sie hätte immer schon Hunde gehabt, ihr letztes Hundchen wäre kürzlich in hohem Alter verstorben. Sie hätte gerne PADDIE.

 

Ich teilte ihr intensiv (!) mit, dass PADDIE absolut nichts hört und was das Zusammenleben mit einem tauben Hund für Herausforderungen mit sich bringt. Wir hätten auch noch zwei Hörende aus dem gleichen Wurf hier. 

 Nein - es sollte PADDIE sein !


Der volle Kaufpreis

Eine sehr sympathische Frau, um die 60, erschien pünktlich zum Abholtermin. PADDIE war begeistert, als die Dame sich zu ihr auf den Boden setzte, sie Leckerchen bekam und gestreichelt wurde. Selbstverständlich wollte sie PADDIE nehmen. Ich freute mich ..... sowas passiert einem wohl ganz selten, dass jemand ein behindertes Tier nimmt.. 

 

Jetzt ging es an die Unterlagen: Impfausweis und Texte im Vertrag wurden von mir vorgelegt. Ich notierte vorschriftsmäßig die Ausweisdaten der neuen Besitzerin. Halsbändchen wurde angelegt .... und dann folgte das Gespräch, das mich wohl mein Leben lang begleiten wird: Sie wollte den vollen Kaufpreis bezahlen. PADDIE wäre genau so viel Wert, wie jeder andere Hund. 

 

Ich hatte nicht damit gerechnet und war erst sprachlos. Dann erklärte ich ihr, dass dieser Hund mehr Aufwand bedeutet als ein hörender Hund. Die Kaufpreisreduktion wäre gerechtfertigt. Wir gingen ins Detail. Sie erzählte mir einiges aus Ihrem Leben und dass ihr verstorbener Mann u.a. auch gehbehindert gewesen wäre. Der Wert, den dieser Mensch für sie gehabt hatte, wäre nicht zu beziffern gewesen. Sie beharrte darauf, für PADDIE den vollen Kaufpreis - der etwa zehn Mal höher wie die geforderte Summe war - zu bezahlen.

 

Wir blieben bis heute befreundet und ist diese Frau ein wirklich "wert-voller" Mensch

Linda Ann Pieper