Das Blutbad

Manche Gesprächspartner fragen mich auch heute noch, wie oft ich schon gebissen worden wäre. Diese Frage ist verständlich, da ich doch mit sehr vielen Hunden zu tun hatte. Dabei blicken sie auf meine Arme und Hände. Sieht man irgendwo Narben ? Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich noch nie gebissen worden wäre – jedoch machte ich, trotz Vorsicht, unliebsame schmerzvolle Erfahrungen mit den Zähnen von Vierbeinern. Ich kann die Beißvorfälle jedoch noch an einer Hand abzählen, sofern ich das „BLUTBAD“ nur als einen Vorfall rechne.

SONNTAG -  Wochenende ! Das hieß, auch ich konnte es mal ruhiger angehen. Kein Kommen und Gehen von Hotelgästen, keine Besichtigungen, kaum Telefon oder schriftliche Korrespondenz. Zu den Freunden und Helfern der Menschen, der Polizei, hatte ich einen guten Draht. Obwohl das nicht unser Job war, halfen wir manchmal bei Tierbergungen oder Unterbringung von Hunden und Katzen. Deswegen war es nicht ungewöhnlich von Beamten, auch an Wochenenden,  angerufen zu werden.

 

Es stünde morgen eine Delogierung im Tennengau an. Für die Familie gäbe es bereits eine neue Wohnung, in der aber keine Haustiere erlaubt waren. Es wäre ein sog. Messi-Haushalt mit 2 Erwachsenen und 5 Kindern, welche auf 60 m2 lebten. Dort lebten eine Unmenge an Tieren (7 Rottweiler, unzählige Katzen, Vögel, Hamster und Reptilien). Wegen bestialischem Gestank beschwerten sich laufend die Nachbarn. Könnten wir irgendwelche der Tiere aufnehmen ?

 

Auf eine größere Anzahl von Katzen, Vögeln, Hamstern und Reptilien waren wir nicht ausgerichtet bzw. hatten wir zu wenig Erfahrung. Aber Rottweiler könnten wir ggf. aufnehmen – wir bräuchten dazu nur mehr Infos. Die Amtsträger informierten sich im Hintergrund und kurze Zeit später wurden die beiden erwachsenen Rotti´s als höchst aggressiv beschrieben. Sie hätten für den Rüden bereits einen Platz gefunden. Die Mutterhündin und die fünf Welpen (elf Wochen alt) wären noch zu versorgen. Für ein aggressives großwüchsiges Muttertier, welches ich noch nie gesehen hatte, wollte ich nicht die Verantwortung übernehmen. Die fünf Welpen konnte ich ungeschaut nehmen. Es wären ja nur unbedarfte Welpen. Nach nochmaligem Telefonat wurde mir mitgeteilt, dass die Kleinen am nächsten Tag direkt von der Eigentümerin gebracht werden, welche dann auch den Aufnahmevertrag unterschreiben würde. Mit diesem Vertrag wäre ich rechtmäßiger Eigentümer und konnte schöne neue Zuhause suchen. 

 

Am nächsten Tag wankte abends eine extrem schwergewichtige, betrunkene  Frau samt Ehemann und zwei Kindern herein und wir übernahmen die Welpen. Geplant war, dass erst am nächsten Tag Fotos, Beschreibung und Video veröffentlicht werden. Obwohl ich alles Schriftliche binnen 10 Minuten abhandeln konnte und danach gleich im Besucherbereich lüftete, stank es fürchterlich im ganzen Erdgeschoss. Der Geruch ging von den Welpen aus. Sie hatten auf der Fahrt erbrochen und eine Mischung aus Nudeln und Wurstresten hing noch im Fell. Das war die obere Schicht des Schmutzes. Im Fell roch es irgendwie süßlich und grausig. Unsere weißen Kittel, mit denen wir die Welpen nacheinander reingetragen hatten, waren braun und ebenfalls stinkend. Ich war bestimmt nicht geruchsempfindlich, aber  DAS WAR NICHT MEIN LEVEL.

 

Am nächsten Tag wurden Kunden erwartet. Den Schmutz konnte ich weder denen, noch meinem Team oder mir zumuten. Wir mussten sofort baden. Welpen zu baden war für mich Routine. Das Wasser der Brause temperieren, kleines Wesen in Wanne setzen, nass machen, shampoonieren, abbrausen - abtrocknen. Ich konnte bislang sowas immer locker alleine. Bestückt mit dem nötigen Zubehör betrat ich motiviert das Gruppenzimmer "4" , in welchem eine Badewanne eingebaut war. 

 

Das Häufchen Elend, bestehend aus fünf Rotti-Welpen, kauerte gesammelt, zitternd und stinkend im Eck. Ich ging einen Schritt auf sie zu. Manche schrien ohrenbetäubend - die anderen knurrten. Ein 11-wöchiger Welpe, der seine Milchzähnchen zeigt - sieht irgendwie drollig aus. Ich wollte den ersten aus der Gruppe rausholen - "SCHNAPP" - das war der erste stark blutende Biss. Hmmm, so würde das Baden nicht möglich sein. Alleine arbeiten schon gar nicht. Abwarten, bis die Welpen vertrauter werden ging auch nicht, denn wie beschrieben, zog sich der Gestank durch alle Räume. Oder bildete ich mir das ein ? Ich hatte  den Geruch jedenfalls "in der Nase".

 

Wir arbeiteten zu zweit in bissfesten Gummistiefeln nach dem Motto: Geht nicht - gibt es nicht ! Aus Leine wurde Schlinge geformt, diese als Lasso verwendet und das erste Badeunwillige rausgezogen. Eine/r fing und hielt mit der Hand das Mäulchen der/die andere hob in die Wanne, brauste und trocknete. Die Kraft der widerwilligen Welpen hatte ich unterschätzt. Kaum entkam Schnäuzchen dem Griff - wurde gebissen. Nach jedem Welpen machten wir Menschen eine Pause und verarzteten unsere Verletzungen. Die weiße Grundfarbe der Badewanne und den Fliesen wich, durch das menschliche Blut, einem tief- und rosarot. Als wir endlich fertig waren, sah der Raum aus, als hätte ein Massaker stattgefunden. Mensch und Tier waren völlig erschöpft.

 

Wir hatten es geschafft:  Meine Beißerchen dufteten nun wie Butterblümchen. Mit viel Prägungsarbeit fanden wir für alle passende schöne Zuhause.

 

Linda Ann Pieper